»Tagebuch eines Zen-Lehrlings
« ist ein schönes Buch mit 99 Aquarellen und Texten des Zen-Mönchs Satô Giei über das Leben im Zen-Kloster, die Zen-Meditation und die Traditionen im Umfeld des Klosters in Kyoto.
Ein Klosterschüler (=Unsui) begibt sich wie die Wolken (=Un) und das Wasser (=Sui) auf eine geistige Wanderung auf dem Zen-Weg zur Zen-Erfahrung.
Der Zen-Lehrling löst seine Aufgabe, das »Kôan der einen Hand
« und findet Selbsterkenntnis (=Kenshô) auf dem Weg zur Erleuchtung (=Satori).
Das Buch wurde von der berliner Japanologin Johanna Fischer übersetzt.
Ich mag den ironisch-nüchternen Einblick ins japanische Zen-Kloster zur Mitte des 20. Jahrhunderts und die klare und feine Ästhetik dieses Buches.
Mein Lieblingsbild ist das letzte Bild im Buch: Ȇbung im Loslassen
«: Zwei Klosterschüler klettern nachts über die Klostermauer:
»Obwohl das Gebot, keinen Sake zu trinken, ein Gebot der Zen-Schule ist, ist der Herr Abt ein eifriger Trinker. Von der weltlichen Tugend und Moral her gesprochen, eine wirklich unerhörte Geschichte. Aber wieviel Heuchelei gibt es bei aller Tugendhaftigkeit in dieser Welt! Im Zen aber ist Heuchelei ausgeschlossen. Der Zen-Mensch, ob er Gutes oder Böses tut, er läßt keine Samen dunkler Begierden zurück.
« (Zitat aus dem Text)
In der japanischen Klosterpraxis gelten eine strenge Ordnung und die Autorität eines Meisters. Die Schüler werden dazu angehalten, in extrem langen Meditationssitzungen über paradoxe Fragen (Koans) zu meditieren. Über den Erfolg entscheidet der Lehrer.
Das Geheimnis des Zen ist, dass es kein Geheimnis gibt. Wer die Erleuchtung erlangt, ist von Illusionen befreit. Das Ich löst sich auf und die Probleme finden kein Ich mehr, an dem sie sich festhalten könnten.
Ich betreibe keine Zen-Meditation und habe sie nie betrieben. Ich mache Iyengar-Hatha-Yoga, ein pragmatisch körperliches Yoga mit meditativer Wirkung. Ich habe aber einige Bücher über Zen gelesen und über Zen nachgedacht.
Ich bin nicht gegen Zen, rate aber zur kritischen, vorsichtigen und allmählichen Beschäftigung mit Zen.
Ich denke lieber, als zu meditieren und ich bin lieber frei als einer vorgegebenen Lehre anzuhängen.
Am Zen gefallen mir der Verzicht auf metaphysische Glaubensinhalte, die skeptisch-selbstironische Haltung und die vom Zen inspirierte Kunst und Architektur.
Was mir am Zen nicht gefällt, sind die Unterordnug unter Autoritäten, der moralische und intellektuelle Nihilismus und das maßlose Meditieren.
Als Vorbild der Hartnäckigkeit im Meditieren, wird gerne der Mönch Bodhidharma zitiert, der 9 Jahre vor einer Felswand sitzend meditiert haben soll und dem dabei nach einer Legende die Beine abgefault sind. Nach einer anderen Legende riss er sich die Augenlieder aus, weil er beim Meditieren einschlief.
Stunden- und tagelange Meditation kann gefährlich werden. Vor allem für Menschen die zu Psychose (Halluzinationen und Wahnvorstellungen), Depression (Lethargie oder Suizid), Zwanghaftigkeit oder Abhängigkeit neigen.
Meditation ist der Entzug von Reizen. Das Gehirn versucht, den Mangel an Reizen auszugleichen. Man wird offener für Einbildungen (Halluzinationen) und Einredungen (Suggestion und Manipulation). Wenn dazu noch Schlafentzug, Ernährungsumstellung, Rede- Schreib- und Telefonverbote kommen, verstärkt das die Gefahr.
Durch die Isolation und Ablenkung scheinen die alltäglichen Probleme zu verschwinden und eine Abhängigkeit von der Methode, Lehre oder der Person des Meisters kann entstehen.
Mögliche Risiken und Nebenwirkungen sind: geistige Verwirrung, Niedergeschlagenheit, langsames Denken, Antriebsschwäche, Leistungsminderung, Störungen in Paarbeziehungen und sozialen Kontakten, Abhängikeit und Missbrauch.
Das Leben in japanischen Klöstern erfüllt einige der Kriterien für gefährliche Sekten und Psychokulte.
Es wird oft behauptet, meditative Praktiken hätten positive gesundheitliche Wirkungen und dies sei durch Studien belegt.
Es gibt zwar tatsächlich eine Reihe von Studien. Der einzige Überblicksartikel über Meditation (Ospina et al., 2007, pdf, 472 Seiten), den ich in der medizinischen Zeitschriften-Datenbank Pubmed gefunden habe kommt aber zum Ergebnis, dass »solide Schlüssfolgerungen über die Effekte von Meditations-Praktiken im Gesundheitswesen aufgrund der vorliegenden Belege nicht erzielt werden können.
« (meine Übersetzung)
Wikipedia über die Religion in Japan: »Offizielle religiöse Statistiken Japans muten auf den ersten Blick oft seltsam an, da fast alle Japaner als Shintôisten und gleichzeitig als Buddhisten angeführt werden. Wer in Japan die Dienste eines buddhistischen Mönchs in Anspruch nimmt, gilt statistisch als Buddhist, wer Geld an den lokalen Schrein spendet, gilt als Shintôist. Daher sind offiziell rund 85% der Bevölkerung Buddhisten und über 90% Shintôisten. Fragt man jedoch auf der Straße nach der Religion (shûkyô!), ist die Antwort der Mehrzahl: Shûkyô wa nai. - Keine Religion!
«
© Dr. Andreas Leo Faulstich, AlfaFox.info, 08.10.2009, Update 10.10.2009
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Ich scheine also um dieses Wenige doch weiser zu sein,
Sokrates
dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.
http://alfafox.info © 08.10.2009 Andreas Leo Faulstich
Nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gewährleistung.

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Text: 08.10.2009
Update: 10.10.2009
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