Besonders intelligent oder fleißig war ich nicht. Aber ich habe es geschafft: Abi 1,0. Meine Tipps und Tricks:
Mit 17 hatte ich die Schule in Klasse 11 abgebrochen. Mit 40 beschloss ich, mein Abitur nachzuholen:
Ich entschied ich mich für ein Abendgymnasium für berufstätige Erwachsene in Berlin. Dort hatte ich nur 20 Wochenstunden. Auf einem Tagesgymnasium für nicht berufstätige Erwachsene hätte ich 30 Wochenstunden belegen müssen.
Zur Vorbereitung nutzte ich den 2 Semester langen Vorkurs: Anschließend war ich fit und hatte mir einen guten Ruf aufgebaut.
Die Oberstufe bestand aus zwei Semestern zur Wiederholung der 11. Klasse und 4 Semestern, die in die Abiturnoten eingingen.
Ich brauchte nur eine Naturwissenschaft und konnte mich zwischen Physik, Biologie und Chemie entscheiden: Gut für meine Abinote. Für zukünftige Naturwissenschaftler vielleicht weniger gut.
Meine Abiturnote entstand aus 5 Fächern: Zwei Leistungskursen, zwei Grundkursen und einem Wahlpflichtfach. Im Wahlpflichtfach gingen die drei besten Semester in die Note ein und es gab keine Abi-Prüfung.
Für den Zugang zu Abendgymnasien in Berlin musste man damals eine Berufsausbildung oder 3 jährige Berufstätigkeit nachweisen. Ob man nebenher arbeitete, wurde an meiner Schule nicht kontrolliert. Wer nicht arbeitete war im Vorteil. Ich arbeitete so wenig wie möglich, um mich aufs Abitur zu konzentrieren.
Als ich mich auf meiner Schule anmeldete, hatte ich die Wahl entweder direkt einzusteigen, oder noch einen einjährigen Vorkurs mitzumachen. Weil meine Schulzeit schon lange zurücklag, besuchte ich den Vorkurs.
Im Vorkurs eignete ich mir den Mittelstufen-Stoff an. Ohne ihn hätte ich das Abi nicht mit 1,0 geschafft.
Im Vorkurs und in der E-Phase habe ich mich auf solide Grundlagen in Mathematik und Englisch konzentriert. Diese konnte ich dann im Kurssystem in drei Fächer einbringen: für Englisch, für Mathe und für Physik.
Vorkurs und auch E-Phase waren leicht und ich habe mich nie überfordert gefühlt. So hatte ich genug Zeit, um mich über die schulischen Anforderungen hinaus in die englische Sprache zu vertiefen. Dies hat sich dann später sehr ausgezahlt.
Außerdem übte ich mich im Umgang mit den erlaubten Hilfsmitteln: Wörterbuch, Formelsammlung und Taschenrechner.
Den Vorkurs habe ich aber vor allem dafür genutzt, um mir einen guten Ruf zu erarbeiten. Nachdem meine Lehrer mich als Einser-Schüler sahen, suchten sie nach Bestätigungen ihres Vorurteils und beachteten meine Schwächen weniger. Wenn ich mal einen schlechten Tag hatte, wurde das kaum beachtet.
Ansonsten waren die Noten im Vorkurs nur wichtig, um überhaupt versetzt zu werden. Lauter 4en hätten also auch gereicht.
Je mehr Lehrer Dich positiv einschätzen, desto besser, weil es für einen einzelnen Lehrer schwierig ist, sich gegen die Meinungen der Kollegen zu stellen. Lehrer machen es sich einfach, indem sie sich der Kollegenmeinung anschließen.
Um ein Superabi zu erreichen, mussten die Lehrer meine mündlichen Leistungen hoch einschätzten.
Eine Voraussetzung dazu war, dass ich fast nie fehlte. Mein guter Wille mußte deutlich zu erkennen sein. Wichtig war auch, dass ich regelmäßig im Unterricht mitarbeitete und dass meine Beiträge gut waren.
Aufgrund meiner Regelmäßigkeit, konnte ich abwarten, bis mir ein guter Beitrag, eine gute Frage, oder eine gute Antwort eingefallen ist. So verbesserte ich mein Image, weil ich die Lehrer nicht mit minderwertigen Beiträgen nervte.
Meine regelmäßige Mitarbeit ermöglichte mir außerdem, zu verbergen, dass ich, z.B. in Mathe, oder in Physik, manchmal zunächst rein gar nichts verstanden habe. Die Lehrer merkten das nicht, denn sie riefen mich nie von sich aus auf, weil sie es ja gewohnt waren, dass ich von mir aus mitarbeitete. Es reichte, wenn ich ein interessiertes und intelligentes Gesicht machte. Notfalls stellte ich eben eine interessierte Frage und tat dann so als würde ich die Antwort verstehen.
Die Null hinter meiner Eins verdanke ich einer Krankheit, die mich im richtigen Moment erwischte:
Die Noten meines Mathematik-Leistungskurses gingen 5-fach in die Abi-Wertung ein, im Gegensatz zu den Grundkurs-Noten, die nur dreifach zählten. Es war also sehr wichtig, dass ich in wirklich jeder Matheklausur eine 1 schreibe.
Einmal verstand ich den Stoff überhaupt nicht und es drohte ein totaler Reinfall. Bisher hatte ich immer 13, 14 oder 15 Punkte erreicht.
Der Stress schwächte meine Abwehrkräfte zum Glück dermaßen, dass mich zum Klausur-Tag eine Erkältung erwischte. Leider musste ich mich zum Arzt quälen, weil die Schuleitung ein Attest verlangte.
Meine Krankheit lohnte sich: Bei der Rückgabe der Mathe-Klausur wurden alle Aufgaben besprochen und an der Tafel vorgerechnet. Endlich hatte ich Beispiel-Aufgaben, die ich verstand und die ich zuhause gründlich üben konnte.
In unseren Klausuren war es üblich, dass man für Fragen zur Aufgabenstellung zum Lehrer gehen konnte. Wer sich traute erhielt so oft nützliche Tipps, so dass ich diese Möglichkeit immer nutzte, wenn ich eine Aufgabe nicht lösen konnte oder mir unsicher war.
Zu den Klausur-Nachschreib-Terminen wurden aber Schüler aus unterschiedlichen Kursen zusammengefasst und es führte irgendein Lehrer Aufsicht und nicht mein Mathe-Lehrer! Wen sollte ich fragen, wenn ich in der Klausur hängen bliebe?
Deshalb fragte ich meinen Mathelehrer, an wen ich mich in der Klausur wenden sollte. Er empfahl mir, irgend einen Mathelehrer zu suchen und ihn um Hilfe zu bitten. Und ich überredete ihn, mir diese Erlaubnis schriftlich zu bescheinigen.
Schließlich führte der Deutschlehrer Aufsicht und ich legte ihm meinen "Freibrief" vor. In der Klausur löste ich zunächst die einfachen Aufgaben, etschuldigte mich dann bei der Aufsicht lief schnell ins Sekretariat und erkundigte mich, in welcher Klasse ein Mathelehrer war, mit dem ich mich gut verstand. Und schon klopfte ich dort an der Tür bat ihn kurz heraus, zeigte ihm mein Freibriefchen und erhielt einen tollen Tipp, der meine 1 rettete.
Im Mathematikunterricht hatte ich oft Schwierigkeiten und ich musste den Stoff immer zuhause nacharbeiten. Zum Glück, schrieb unser Mathelehrer alles Wichtige an die Tafel. Mit meinen Notizen habe ich gründlich gearbeitet und notfalls Sätze und Definition einfach auswendig gelernt, auch wenn ich sie nicht verstanden hatte.
Ich lernte lieber wenig und das perfekt als viel oberflächlich und ich habe immer versucht, möglichst genau zu erfahren, welcher Stoff geprüft wurde. Vor den Klausuren befragte ich die Lehrer, was drankommen könnte und was nicht und ich stellte fest, dass sich die Lehrer daran hielten.
In Mathematik besorgte ich mir von einem Einser-Schüler einer vorherigen Klasse die Klausuren und Lösungen und übte damit so lange, bis ich die Aufgaben selbst lösen konnte. Und zum Glück unterschieden sich unsere Klausuren kaum von denen der Vorjahre.
Inzwischen gibt es ja in den meisten Bundesländern das Zentralabitur und die Prüfungsaufgaben werden nicht mehr von den Lehrern selbst gestellt. Aber ich denke, dass es auch dann Sinn macht, sich über die Aufgaben der Vorjahre zu informieren und diese zu pauken.
Den Umgang mit Taschenrechner und Formelsammlung hatte ich perfektioniert. Ich habe mir gründlich angeschautg wie die Formelsammlung aufgebaut ist und wie man sie nutzen kann. Das hat mich später in der Abiturklausur vor einen Totalausfall bewahrt: In der Aufregung konnte ich mich nicht mehr an den Lösungsweg erinnern. Zum Glück fand ich in der Formelsammlung eine passende Formel, wenn auch eine andere als im Unterricht.
© Dr. Andreas Leo Faulstich, AlfaFox.info, 08.01.2010
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Text: 08.01.2010
© Dr. Andreas Leo Faulstich

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